Vor ziemlich genau 200 Stunden Spielzeit kam ich zum ersten Mal an den Punkt, an dem ich mich fragte: War das jetzt wirklich der erste Lauf? Spoiler: So oder so ähnlich passiert's garantiert jedem – spätestens mit dem dritten oder vierten Rücksetzen zwischen Akt 2 und 3. Nach all den Stunden fühlt sich BG3 jedoch viel weniger wie ein Videospiel an – das ist eine echte, lebendige Welt geworden.
Akt 1: Einstieg ins Abenteuer
Ich erinnere mich noch an mein allererstes Gespräch mit Astarion – dieser Grinsen, wenn er meint, er hätte „keine Erinnerung an sein Vampirleben“ – und an diesen Moment der Panik beim Überfall auf den Schiffbruch. Das Spiel empfängt dich mit einer Wucht, die einen sofort packt: das persönliche Spawn aus dem Nautiloid, das Charaktersystem, das Gefühl, genug Werkzeuge zu haben, um irgendwie jedes Problem anzugehen. Dabei waren die ersten 50 Stunden eine einzige Reise durch Möglichkeiten – statt Bosse zu erledigen, habe ich mich mit Goblins geplagt, Kristalle ohne Plan geklaut und versucht, den Paladin ohne Einschüchterung zum Schweigen zu bringen.
Im Tutorial dachte ich noch, ich hätte bald einen grünen Haken hinter meiner ersten Kampagne – nur um dann in der Donnerturm-Festung auf so viele Nebenquests zu stoßen, dass sich die Spielstandfiles vermehrten wie Goblins in einem Goblinderat.
Willkommen im 2. Akt
Irgendwann riss die rote Linie zwischen „eigentlich möchte ich die Hauptstory“ und „okay, ich bleibe jetzt hier ein wenig länger“ vollendet. Akt 2 fühlte sich an wie eine zweite Ankunft: Die Schwertküste öffnet sich endlich porentief – durch die Türme des Mondaufgangs, Hinterhalte, Druiden-Klönschnack. Ich ließ mich treiben, fand Pilzzivilisten, Dragonborn und einige sehr fragwürdige Darmszenen. Auf einmal hatte alles Gewicht, und Entscheidungen zum Beispiel über die Asmodeus-Statue oder die Blitze der Göttin – plätschernde Konsequenzen wohin das Auge sah.
Irgendwann kam mir der Fotomodus – nie hätte ich gedacht, dass ich mir Zeit für Szenen nehme, nur um „ein paar Posen“ zu setzen. Fotos von Begleiter*innen, die automatisch Running-Gags auslösen – wie der Blick in die Ferne, wenn Schattenherz frustriert ist, oder Jaheiras Zigarette. Ich habe mehr Zeit damit verbracht, Erinnerungsbilder zu erstellen, als Quests abgeschlossen sind – nach fast 200 Stunden ein Moment des Atmens.
Wo bleibt Akt 3 – und wie zum Teufel geht es weiter?
Als es schließlich weiterging, war jedes nochmal durch drehende Entscheidungen geprägt: Orpheus' wahre Identität, der Prisma-Plot, Betrug durch die Absolute – alles provoziert durch Dialogoptionen – ist „glaube ich“, ODER „würfle ich schneller“? Spannend an Akt 3 ist, dass man tatsächlich verdorbene Spuren finden kann – als würde ein riesiges Abschlusskapitel Stück für Stück im eigenen Tempo ausgegraben.
Ich landete beim finalen Kampf in Baldur's Tor – manche Entscheidungen rauszten einfach durch wie ein Transport mit fünf Leuten. Aber auch hier blieben Nachwirkungen: Nicht jeder Begleiter überlebte, die Stadt brannte trotzdem (ja, Rivington!), und ich stand am Ende nicht als Held, sondern als jemand, der seine Held*innen verloren hatte.
Das Endergebnis: Ein persönliches Resümee
- Hauptstory-Zeit: ca. 70–80 Stunden – aber ich war von Anfang an auf Erkundung getrimmt.
- Nebenquests: Locker 80–90 Stunden zusätzlich, dem Kunden geschuldet.
- Wiederspielwert: der Impuls zum Neustart kommt automatisch – neue Klassen, Origins, begleiterspezifische Pfade.
Selbst nach 200 Stunden fühle ich mich nicht ausgelaugt – im Gegenteil: Ich habe längst erkannt, wie viele Geschichten da noch schlummern. Das Spiel fühlt sich weder fertig gespielt noch repetitiv an – jede Entscheidung wiegt.
Warum es so intensiv ist
- Narratives Gewicht: BG3 entwickelt die Weltenreaktion nicht nur durch Scripts, sondern durch deine Entscheidungen – mit wirklicher Konsequenz.
- Rollenspiel statt RPG: Keine Standard-Franchise-Form – stattdessen: Du mischst dich ein.
- Fotomodus & Community-Erzählung: Die Option, Erinnerungen festzuhalten und Szenen zu inszenieren, bringt echtes Storytelling in ein Singleplayer-RPG. Ich sah mich plötzlich nicht mehr als Spieler – sondern als Chronist.
- Freund*innen im Koop: Wir haben im zweiten Akt angefangen zu partien, eigene Charaktere – plötzlich war BG3 ein Gruppenspiel von echten Persönlichkeiten mit ihrer eigenen Dynamik: Astarion schlief bei jedem Gruppen-Foto, Wyll hat nie die Augen offen – Gags entstanden spontan.
Mein Tipp, fällt dir noch vor dir auf
- Nimm dir Zeit, mal nicht zu spielen, sondern das Lager zu verlassen – Fotos machen, Biografien schreiben, den Soundtrack hören.
- Mach früh einen Spielstand „nur zum Trödeln“ – Creepy Witch, Kristalle, Achievements.
- Probier Koop erst ab Akt 2 , damit du die Welt vorher „unverdorben“ erkunden kannst.
- Erlaube dir mehrere Rollen: mal Kämpfer, mal Schurke, mal Dialectric Sorcerer mit fliegendem Handrücken-Thinking-Spellcasting.
Fazit:
200 Stunden in Baldur's Gate 3 – und ich fühle mich gerade erst warmgelaufen. Jede Stunde ist ein potenzieller Neuanfang: ein anderes Lagerleben, ein fieser NPC-Tod, ein geretteter Begleiter. Und doch ist alles verbunden: Faerûn baut sich auf in Sichtbarkeit und Konsequenz. Das ist kein Abschluss – es ist ein interaktives Fantasie-Epos, das immer noch wächst. 🎲
Über den Autor
Community-Managerin bei GoodGame.Ruhr und Expertin für Mobile Gaming und Casual Games. Sorgt dafür, dass unsere Community lebendig bleibt und organisiert regelmäßige Gaming-Events und Turniere.