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Review

Gothic Remake im Test: Starkes Rollenspiel, wackelige KI

Lydia
  • 1 Min. Lesezeit

Gothic Remake ist in seiner Testfassung ein Spiel, bei dem zwei Dinge gleichzeitig wahr sind: Es versteht sehr gut, warum der Klassiker bis heute verehrt wird, und es stolpert über technische Probleme, die in einem Rollenspiel dieser Art besonders wehtun.

Wer das Minental von früher kennt, findet sich schnell wieder zurecht. Wer Gothic nie gespielt hat, bekommt ein Rollenspiel, das wenig erklärt, viele Wege zulässt und dich nicht mit Markierungen durch jede Aufgabe zieht. Genau das ist seine Stärke. Genau deshalb fallen fehlerhafte KI-Reaktionen und blockierte Quest-Abläufe aber so schwer ins Gewicht.

Das Minental wirkt vertraut, aber nicht alt

Das Remake hält sich spürbar nah am Original von Piranha Bytes. Figuren wie Diego, der Namenlose Held oder Mud sollen sofort wiedererkennbar sein. Gleichzeitig wirkt die Welt durch die neue Optik deutlich dichter. Die Unreal Engine 5 macht aus dem grauen, kantigen Minental einen Ort, der weiterhin rau und unbequem bleibt, aber wesentlich mehr Details zeigt.

Gerade die bekannten Charaktere profitieren davon. Gesichter haben mehr Ausdruck, Rüstungen und Lager wirken klarer, und die Welt bleibt trotzdem lesbar. Wichtig ist: Das Remake glättet Gothic nicht zu einem modernen Komfort-Rollenspiel. Es lässt die Ecken stehen, an denen die Reihe hängt.

Technisch ist die schöne Fassade aber nicht ganz sauber. In den Grafikoptionen ist nicht immer klar, welche Einstellungen besonders stark auf Raytracing setzen. Je nach Hardware kann das die Performance stärker drücken, als man erwartet. Reduzierte Werte bei globaler Beleuchtung, Schatten und Spiegelungen können helfen.

Mehr Komfort, aber kein Rollenspiel mit Stützrädern

Das Remake bietet neue Anpassungen für den Spielablauf. Du kannst Kämpfe leichter machen, mehr Erfahrungspunkte erhalten oder bessere Handelsbedingungen einstellen. Wer es härter will, kann diese Stellschrauben auch in die andere Richtung drehen. Das ist eine sinnvolle Lösung, weil Gothic schon immer stark davon lebte, dass die Welt gefährlich ist.

Auch das Quest-Log wurde ausgebaut. Dazu kommt ein Glossar für getroffene Figuren. Was es weiterhin nicht gibt: leuchtende Pfade, klare Zielmarker und eine Karte, die jede Lösung vorkaut. Das kann nerven, besonders wenn eine gesuchte Person je nach Tageszeit an einem anderen Ort steht. Es passt aber zum Kern des Spiels.

Die Aufgaben selbst zeigen, warum Gothic bis heute einen guten Ruf hat. Wenn du zu einer bestimmten Person in einem Lager musst, kann der Weg dorthin über Bestechung, Verkleidung oder einen versteckten Zugang führen. Das ist keine reine Checkliste. Du musst beobachten, ausprobieren und mit den Regeln der Welt arbeiten.

Die Kämpfe sind besser, aber nicht der Star

Das Kampfsystem ist klar spielbarer als im Original. Das allein ist schon viel wert, denn die alte Steuerung war für viele Spieler eine echte Hürde. Trotzdem wird aus Gothic Remake kein Actionspiel im Stil moderner Blockbuster. Die Kämpfe bleiben eher zweckmäßig. Sie funktionieren, sie sind verständlicher, aber sie tragen das Spiel nicht allein.

Interessanter sind die kleinen Systeme drumherum. Schlossknacken läuft nun über ein eigenes Minispiel. Das ist komplexer als früher, kann aber auch umständlich wirken. Mit passenden Talenten wird es angenehmer. Das passt zur Gothic-Logik: Lernen lohnt sich, weil die Figur danach wirklich besser mit der Welt umgehen kann.

Starke Stimmen, viel Wiedererkennung

Die deutsche Vertonung ist ein großer Pluspunkt. Viele Dialogzeilen bleiben sehr nah am Original, wurden aber neu aufgenommen. Auch bekannte Stimmen sind wieder dabei. Besonders wichtig ist Christian Wewerka als Namenloser Held. Ohne diese Stimme würde dem Remake ein Stück Identität fehlen.

Auch die Musik sitzt. Kai Rosenkranz ist ein Name, den viele Gothic-Spieler sofort mit einer bestimmten Stimmung verbinden. Das Remake nutzt diese Erinnerung, ohne nur auf Nostalgie zu setzen. Für alte Fans ist das wichtig. Für neue Spieler sorgt es dafür, dass die Welt schnell einen eigenen Ton bekommt.

Die KI macht zu viele Probleme

Der schwere Haken der Testfassung liegt bei der KI und bei Quest-Zuständen. In bestimmten Situationen reagieren NPCs falsch auf Verbrechen oder angebliche Verbrechen. Figuren können den Spieler ohne nachvollziehbaren Grund angreifen oder ihn für Taten beschuldigen, die so nicht passiert sind.

Das ist in Gothic besonders gefährlich, weil Lager, Ruf, Dialoge und Hauptquests eng miteinander verbunden sind. Wenn ein Lager feindlich wird, ist das nicht nur ein kurzer Kampf. Es kann ganze Abläufe aus dem Tritt bringen.

In der Testfassung konnten wichtige Figuren am falschen Ort stehen, nicht mehr sauber ansprechbar sein oder auf einen Spielstand reagieren, als sei eine spätere Story-Situation bereits erreicht. Ein konkreter Fall betraf Gor Na Dun: Wurde dieser Charakter zu früh niedergeschlagen, konnte das Spiel daraus fälschlich schließen, dass ein späterer Abschnitt der Hauptgeschichte erreicht sei. Die Folge war ein beschädigter Fortschritt.

Nach Angaben aus dem Testumfeld war dieses Problem bekannt und sollte für die Release-Fassung behoben werden. Für die Bewertung der Testfassung bleibt es trotzdem entscheidend. Ein Rollenspiel darf Fehler haben. Aber wenn die Hauptmission kippt, reden wir nicht mehr über Kleinkram.

Viel Liebe, aber noch nicht genug Sicherheit

Man merkt dem Remake an, dass Alkimia Interactive den Klassiker nicht einfach neu lackieren wollte. Änderungen wie zusätzliche Inhalte in der Verlassenen Mine fügen sich natürlich in die Welt ein. Neue Spieler dürften kaum erkennen, welche Elemente nicht schon 2001 vorhanden waren. Das ist ein gutes Zeichen.

Gleichzeitig fehlt noch Feinschliff. Einzelne Texte wirken uneinheitlich oder enthalten Flüchtigkeitsfehler. Das ist für sich genommen kein großes Problem. Zusammen mit KI-Aussetzern, fehlerhaften Reaktionen und riskanten Quest-Zuständen ergibt sich aber ein Bild: Die Basis ist stark, der technische Zustand der Testfassung noch nicht.

Wertung

Gothic Remake kann die beste Art werden, Gothic heute zu spielen. Es sieht stark aus, versteht die alte Welt, bietet sinnvolle Komfortoptionen und lässt die offenen Quest-Strukturen stehen, die viele moderne Rollenspiele vermissen lassen.

In der getesteten Fassung reicht das noch nicht für eine uneingeschränkte Empfehlung. Dafür sind die KI-Probleme zu gravierend. Wer sofort einsteigen will, sollte vor dem Kauf erste Berichte zur Release-Version und zu den Patches abwarten. Wenn Alkimia Interactive die kritischen Fehler sauber beseitigt, steht hier ein sehr starkes Rollenspiel. In diesem Zustand bleibt es ein fast großartiges Remake mit einem klaren Warnhinweis.

  • Gameplay: 3 von 5
  • Grafik: 5 von 5
  • Story und Welt: 4 von 5
  • Sound: 5 von 5

Über den Autor

Lydia Autor

Community-Managerin bei GoodGame.Ruhr und Expertin für Mobile Gaming und Casual Games. Sorgt dafür, dass unsere Community lebendig bleibt und organisiert regelmäßige Gaming-Events und Turniere.