Marvel Tōkon: Fighting Souls will nicht nur bekannte Comicfiguren gegeneinander antreten lassen. Der Fighter baut seine Kämpfe um Teams aus vier Figuren, schrittweise freigeschaltete Optionen und viele Werkzeuge für Training und Solo-Spiel. Das Konzept geht erstaunlich weit über bloße Lizenzschlachten hinaus.
Die zentrale Stärke liegt im Kampfsystem. Es erlaubt einen schnellen Einstieg mit einfachen Eingaben, fordert später aber saubere Bewegung, gutes Timing und ein Verständnis für die eigene Team-Reihenfolge. Gerade diese Mischung macht Tōkon interessant, auch für Menschen, die vor komplexen Tag-Fightern normalerweise zurückschrecken.
Ein Team wächst mitten im Match
Zu Beginn eines Kampfes stehen nicht sofort alle Möglichkeiten offen. Erst durch bestimmte Match-Ereignisse und Arenenwechsel erweitert sich das Team. Weitere Figuren, Assists und Ressourcen kommen hinzu. Dadurch startet eine Runde überschaubar und wird nach und nach deutlich taktischer.
Das ist ein kluger Kniff. Statt vier Charaktere gleichzeitig auswendig lernen zu müssen, kann man sich zunächst auf eine Hauptfigur konzentrieren. Später entscheidet die Zusammenstellung stärker über den Verlauf: Wer eröffnet den Druck, wer sichert mit einem Assist ab, und welcher Charakter wartet für eine wichtige Konterchance?
Light, Medium und Heavy bilden die vertraute Basis. Dazu kommen ein eigener Unique-Angriff sowie Tasten für Spezial- und Teamaktionen. Quick Skill und Quick Assemble legen wichtige Aktionen direkt auf einzelne Eingaben. Das senkt die erste Hürde, ersetzt aber nicht das Lernen. Wer besser werden will, muss Raumkontrolle, Luftbewegungen, Dashes und die Abstimmung von Angriffen und Assists beherrschen.
Training, das seinen Namen verdient
Tōkon liefert für diese Lernkurve auffallend viele Hilfen. Das Tutorial erklärt die Grundlagen, während Missionen und Trials von einfachen Angriffsketten bis zu Team-Routen führen. Im Trainingsmodus lassen sich Dummy-Verhalten, Drucksituationen und weitere Szenarien einstellen.
Das ist wichtig, weil der 4v4-Aufbau schnell unübersichtlich werden kann. Die Lernwerkzeuge geben neuen Spielern klare Aufgaben, ohne erfahrene Fighting-Game-Fans auf einen simplen Einstieg festzulegen. Auch die All-Star Arena erfüllt einen praktischen Zweck: In festen CPU-Routen mit unterschiedlichen Bedingungen lassen sich Teams ausprobieren, blocken und Assist-Timing üben, ohne direkt in Ranglistenmatches zu springen.
Marvel als bewegtes Comic-Panel
Optisch spielt der Titel seine Lizenz konsequent aus. Der Anime-Stil von Arc System Works trifft auf klare Marvel-Silhouetten, kräftige Farben und überzogene Spezialangriffe. Schon normale Treffer wirken lesbar und charaktervoll. Bei Supers, K.o.s und Stage-Transitions wird daraus ein regelrechtes Effektfeuerwerk.
Figuren wie Ghost Rider, Carnage, Magik oder Captain America erhalten eigene, klar erkennbare Aktionen. Das sorgt für starke Momente und macht die Kämpfe auch dann unterhaltsam, wenn man taktisch noch nicht jede Entscheidung versteht. Die vollständig vertonten Comicsequenzen und die Sprüche während der Matches unterstützen diesen Stil.
Der Preis für das Spektakel ist die Übersicht. Wenn mehrere Assists, Super-Angriffe und detaillierte Hintergründe gleichzeitig aktiv sind, verlieren gerade Einsteiger schnell den Blick für entscheidende Treffer oder Bewegungen. Mit wachsender Erfahrung lässt sich das besser lesen. Ganz verschwindet das Problem aber nicht.
Mehr als Versus und Ranked
Der Episode Mode erzählt seine Handlung in fünf Team-Arcs, darunter Fighting Avengers, Unbreakable X-Men und Knights of Doom. Die Geschichte wird als vertonte Motion-Comic-Kampagne erzählt und verbindet Szenen mit Kämpfen, die teils feste Teams oder besondere Regeln vorgeben. Die Voraussetzungen für die Auseinandersetzungen bleiben dabei bewusst genretypisch, doch der Modus bemüht sich sichtbar darum, mehr als eine lose Reihe von Duellen zu sein.
Je nach Tempo sollen alle Handlungsbögen etwa acht bis zwölf Stunden beschäftigen. Positiv: Der Modus funktioniert offline und nutzt seine Bossregeln, um das Kampfgeschehen zu verändern. Einschränkungen beim Metergewinn oder bei Teamaktionen sorgen dafür, dass die Storykämpfe nicht nur als Dekoration neben dem Versus-Modus stehen.
Als bewusst lockere Alternative gibt es Arcadia Rumble. Hier laufen Chibi-Versionen der Figuren über größere Karten, sammeln Sterne und Gegenstände und treffen in kurzen Kämpfen aufeinander. Bis zu acht Spieler können offline gegen CPU oder online in einer Sitzung teilnehmen. Der Modus ersetzt keinen kompetitiven Fighter, bietet aber eine brauchbare Pause zwischen konzentrierten Duellen.
Für wen lohnt sich der Einstieg?
Marvel Tōkon: Fighting Souls richtet sich an zwei Gruppen zugleich. Marvel-Fans bekommen viele bekannte Figuren, starke Animationen und einen vergleichsweise umfangreichen Soloteil. Fighting-Game-Spieler finden ein Team-System, dessen Tiefe nicht aus komplizierten Eingaben allein entsteht, sondern aus Positionierung, Synergien und dem richtigen Einsatz der Assists.
Wer klare Bildschirme und ruhige Eins-gegen-eins-Duelle bevorzugt, dürfte mit dem Effektchaos hadern. Wer dagegen bereit ist, sich in ein wachsendes Team einzuarbeiten, erhält einen zugänglichen, aber nicht flachen Tag-Fighter mit ungewöhnlich gutem Trainingspaket.
Über den Autor

Gründer und Administrator von GoodGame.Ruhr. Leidenschaftlicher Gamer seit den 90ern ohne Fokus auf spezielle Genres. Wenn er nicht gerade neue Spiele testet, arbeitet er an der Weiterentwicklung der Community, oder geht seiner zweiten Passion, der Musik, nach.
