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Review

Resident Evil Requiem im Test: Stark, aber zerrissen

Sascha
  • 1 Min. Lesezeit

Resident Evil Requiem hat zwei sehr klare Seiten. Die eine setzt auf Enge, Angst, knappe Mittel und eine Hauptfigur, die nicht wie eine Kampfmaschine wirkt. Die andere schiebt Leon S. Kennedy in die Ruinen von Raccoon City und macht aus Horror oft ein blutiges Action-Spektakel.

Das Ergebnis ist ein sehr guter Serienteil, aber kein sauberer Volltreffer. Capcom packt zum 30-jährigen Jubiläum viel Seriengeschichte, starke Technik und einige frische Systeme in diesen neunten Hauptteil. Gerade deshalb fällt der Bruch zwischen den beiden Hälften so deutlich auf.

Grace ist der stärkere Teil des Spiels

Der beste Grund für Resident Evil Requiem heißt Grace Ashcroft. Sie ist FBI-Analystin, kann mit einer Waffe umgehen, wirkt aber nicht wie jemand, der jeden Raum einfach freischießt. Genau das tut dem Spiel gut. Ihre Bewegungen, ihr Zögern und die wackeligere Kontrolle vermitteln Verletzlichkeit, ohne sie schwach zu schreiben.

Grace ist die Tochter von Alyssa Ashcroft aus Resident Evil Outbreak. Ihre eigene Geschichte hängt an einem Trauma aus dem Jahr 2018, als sie den Mord an ihrer Mutter im Wrenwood Hotel miterleben musste. Der Prolog führt sie an diesen Ort zurück. Das verbindet persönliche Angst mit der großen Raccoon-City-Vergangenheit, ohne nur Fanwissen abzuhaken.

Du kannst bei beiden spielbaren Figuren zwischen Ego- und Schulterperspektive wechseln. Bei Grace passt die Ich-Perspektive besonders gut. Zombies wirken näher, Geräusche sitzen unangenehmer im Raum, und der eingeschränkte Blick macht einfache Flure wieder bedrohlich.

Rhodes Hill ist klassischer Horror mit modernen Hilfen

Der erste große Abschnitt spielt im Rhodes Hill Chronic Care Center. Die Privatklinik ist kein zufälliger Schlauch aus Korridoren, sondern ein zusammenhängender Ort mit Büros, OP-Sälen, Zellenbereichen und Kellern. Das weckt klar Erinnerungen an das Herrenhaus-Prinzip der frühen Reihe: ein zentraler Bereich, verschlossene Türen, Rätsel, Schalter, Sicherungen und immer wieder neue Wege zurück.

Wichtig ist dabei, dass Requiem nicht altbacken wirkt. Die Karte merkt sich liegen gelassene Munition und Heilung. Das nimmt nicht die Spannung raus, spart aber Leerlauf. Bei einer Analystin wie Grace passt diese Art von Notizen sogar glaubwürdig zur Figur.

Das auffälligste neue System ist Blut als Ressource. Mit dem Hämolytischen Injektor saugst du verseuchte Blutlachen auf und nutzt sie für Munition, Heilitems und dauerhafte Verbesserungen. Zusätzlich gibt es Blutproben, die am Computer über kleine Rätsel analysiert werden können. Das ist auf dem Papier sehr Resident Evil, also etwas absurd, aber im Spielkontext stimmig.

Spannend wird es durch die Blister Heads. Manche besiegte Zombies bleiben nicht einfach liegen, sondern stehen in einer gefährlicheren Form wieder auf. Dadurch überlegst du dir genauer, welche Wege du gehst und ob du Munition wirklich ausgeben willst. Genau diese Abwägung trägt den Survival-Horror-Teil.

Der Horror ist stark, aber nicht gnadenlos

Requiem kann stressen, ist aber für erfahrene Horrorspieler nicht extrem hart. Schleichen und Weglaufen bleiben sinnvolle Optionen. Wer möchte, kann das Speichern über Farbbänder begrenzen. Der wirklich fordernde Alptraum-Modus wird aber erst nach dem ersten Durchlauf freigeschaltet. Dort sind Ressourcen knapper und Gegner härter.

Für Story-Spieler gibt es auch einen sehr leichten Modus. Für die andere Seite der Community bietet das Bonus-Menü zusätzliche Anreize. Durch erledigte Aufgaben verdienst du Credits und schaltest Kostüme, neue Waffen oder Making-of-Material frei. Speedrun-Ziele unter vier Stunden sprechen klar die Fans an, die Resident Evil mehrfach zerlegen wollen.

Nicht jede beworbene Idee zahlt spielerisch voll ein. Zombies mit mehr Persönlichkeit klingen größer, als sie im Alltag wirken. Wenn Gegner letzte Sätze wiederholen oder noch zu ihrem früheren Beruf passende Gegenstände tragen, stärkt das die Atmosphäre. Als Spielsystem bleibt es aber eher Beiwerk.

Leon bringt Wucht, nimmt aber Druck

Leon S. Kennedy taucht zunächst in kurzen Wechseln auf. Diese Momente funktionieren, weil sie einen klaren Kontrast zu Grace setzen. Er hat mehr Kontrolle, mehr Waffen und viel mehr Erfahrung. Zur Halbzeit kippt Requiem aber deutlich in seine Richtung.

Dann geht es nach Raccoon City, genauer in das aschebedeckte Gebiet nach dem Raketenangriff von 1998. Requiem stellt dabei klar, dass es kein Nuklearschlag war. Die Ruinen liefern starke Bilder: Parkhäuser, Kanalisationen, eingestürzte Hochhäuser und Wege durch einen ganzen Stadtteil statt nur durch ein einzelnes Gebäude.

Leon ist angeschlagen, mit sichtbaren blauen Adern am Hals, bleibt aber trotzdem eine Ein-Mann-Armee. Der Requiem-Revolver mit 12,7x55mm und ein Tomahawk verändern das Spielgefühl massiv. Wo Grace ausweicht und spart, schlägt Leon Köpfe gegen Wände, tritt Gegnergruppen weg und kämpft sich durch Horden.

Das macht Spaß, keine Frage. Es ist direkt, wuchtig und technisch stark umgesetzt. Nur verliert Resident Evil Requiem dabei einen Teil seiner eigenen Spannung. Wenn Waffen schnell hochgerüstet sind und viele Begegnungen eher nach Befreiung als nach Überleben riechen, bleibt vom vorher aufgebauten Druck weniger übrig.

Technik und Sound sind klare Pluspunkte

Optisch zeigt sich Requiem sehr stark. Auf PS5 Pro gibt es zusätzliche grafische Details und stabilere Bildraten, auch die PC-Fassung wird als technisch sauber beschrieben. Licht, Pfützen, Staub in Taschenlampenkegeln und Raytracing helfen vor allem der Klinik. Dort sieht die Dunkelheit nicht nur schwarz aus, sondern bekommt Struktur.

Der Sound ist fast noch wichtiger. Mit Surround-Kopfhörern wie dem Pulse-3D-Headset werden Räume hörbar unterscheidbar. Ein marmornes Foyer klingt anders als ein Büro mit Teppich. Entferntes Kratzen, Tropfen und Hall geben Orientierung, aber auch Unruhe. Das ist für Horror wertvoller als noch ein zusätzlicher Blutspritzer.

Für wen lohnt sich Resident Evil Requiem?

Wenn du Resident Evil wegen langsamer Erkundung, knapper Vorräte und starker Orte liebst, bekommst du mit Grace einen der stärksten Abschnitte der jüngeren Reihe. Rhodes Hill trägt viel von dem, was klassische Fans suchen, ohne nur Nostalgie zu bedienen.

Wenn du Leon und die Action-Seite der Reihe magst, wirst du in der zweiten Hälfte ebenfalls bedient. Nur musst du akzeptieren, dass Requiem dadurch weniger geschlossen wirkt. Es ist kein schwaches Spiel, sondern ein starkes Spiel mit einem sehr sichtbaren Riss.

Unsere Wertung: Resident Evil Requiem ist ein wuchtiger Jubiläumsteil mit hervorragender Technik, starkem Sound und einem großartigen Horror-Einstieg. Der spätere Action-Schwerpunkt macht Laune, nimmt dem Spiel aber ausgerechnet dort Spannung, wo Raccoon City eigentlich maximal drücken müsste.

Über den Autor

Sascha Autor

Gründer und Administrator von GoodGame.Ruhr. Leidenschaftlicher Gamer seit den 90ern ohne Fokus auf spezielle Genres. Wenn er nicht gerade neue Spiele testet, arbeitet er an der Weiterentwicklung der Community, oder geht seiner zweiten Passion, der Musik, nach.