Screamer ist ein Arcade-Racer für Leute, die eine Kurve nicht nur nehmen, sondern bearbeiten wollen. Du lenkst nicht einfach ein und hältst Gas. Du kontrollierst das Auto mit beiden Sticks, achtest auf Boost, Schaltmoment, Gegnerdruck und die nächste Linie. Das ist fordernd, aber genau deshalb stark.
Milestone greift mit dem Reboot eine alte Marke auf, die 1995 bei uns als Bleifuß bekannt war. Der neue Teil setzt nicht auf Lizenzen oder reale Marken, sondern auf eine eigene Cyberpunk-Stadt, grelle Autos und einen Stil, der klar in Richtung 80er-Anime geht. Das sieht anders aus als die üblichen Rennspiele des Studios und gibt Screamer sofort ein klares Profil.
Das Handling ist der Kern
Der wichtigste Punkt ist die Steuerung. Links lenkst du, rechts kontrollierst du den Driftwinkel. Das klingt erst einmal nach unnötiger Zusatzarbeit. Nach einigen Rennen wird aber klar, warum Screamer darauf setzt: Du bekommst viel mehr Kontrolle über Heck, Radius und Risiko.
Wer nur stumpf in die Kurve wirft, landet schnell in der Bande. Screamer will Timing. Bremsen, anstellen, Drift halten, wieder herausbeschleunigen. Dazu kommt Active Shift, also ein perfekter Schaltmoment, der dir beim Ressourcenaufbau hilft. Das Spiel kann zwar automatisch schalten, dann verzichtest du aber auf diesen Vorteil.
Die Lernkurve ist steil, aber fair. Gerade auf Standard fahren die Gegner aggressiv genug, um Fehler sofort zu bestrafen. Für Einsteiger sind die Fahrhilfen deshalb wichtig. Lenkassistenz, Auto-Gas und Drift-Hilfen sind vorhanden. Auch der Schwierigkeitsgrad lässt sich getrennt für Arcade und Kampagne ändern.
Sync, Entropie und Overdrive machen Druck
Screamer fährt nicht nur über Rundenzeiten. Das Echo-System bringt Taktik in die Rennen. Sync füllst du durch sauberes Fahren, Windschatten, Drifts und gutes Schalten. Du nutzt Sync für Boost oder ein Schild gegen Rammangriffe.
Wenn du Sync ausgibst, steigt Entropie. Diese Leiste nutzt du für offensive Strikes gegen andere Wagen. Ist Entropie voll, bekommst du Overdrive. Dann bist du extrem gefährlich und kannst Gegner beim Kontakt aus dem Rennen räumen. Gleichzeitig wird jeder Wandkontakt für dich selbst zum Problem.
Das System passt gut zum Streckendesign. Viele Kurvenfolgen wirken zuerst hart. Enge Passagen nach schnellen Abschnitten, Tunnel, Kuppen und schnelle Richtungswechsel verlangen Konzentration. Wenn Drift, Boost und Schalten sitzen, entstehen starke Rennmomente. Screamer belohnt aggressives Fahren, aber nicht kopfloses Fahren.
Arcade-Modus statt Menüarbeit
Am besten funktioniert Screamer, wenn es dich schnell ins nächste Rennen schickt. Der Arcade-Bereich bietet mehrere Modi: Einzelrennen, Team-Rennen mit Wertung aus Platzierung und KOs, Eliminationsrennen, Time Attack, Checkpoint-Läufe und Overdrive-Herausforderungen. Dazu kommt lokaler Splitscreen für bis zu vier Spieler.
Für die Couch ist das ein klarer Pluspunkt. Screamer hat genug Chaos, um in der Gruppe zu funktionieren, und genug Fahrtechnik, damit gute Fahrer nicht nur Glück brauchen. Gerade die Team-Wertungen können interessant werden, weil Platzierung allein nicht alles entscheidet.
Bei der Langzeitmotivation bleibt aber Luft nach oben. Freischaltungen, kosmetische Teile, neue Teams, Streckenvarianten und Wetterbedingungen motivieren. Trotzdem fehlt dem Arcade-Modus etwas Struktur, die Fortschritt klarer sichtbar macht. Wer gerne Listen abarbeitet, bekommt Material. Wer eine klare Karriereleiter will, eher weniger.
Optik und Sound treffen den Ton
Neo Rey ist eine Cyberpunk-Stadt mit Wüstenrand, Industrieflächen, Straßenschluchten und viel Neon. Die Wagen passen zu ihren Crews. Söldner fahren zusammengeschraubte Maschinen, eine Idol-Gruppe sitzt in auffälligen Rallye-Wagen, die Anaconda-Corp-Fraktion nutzt glatte Luxuskarossen. Das ist nicht realistisch, aber gut lesbar und eigenständig.
Der Sound hilft beim Fahren. Die Motoren sind überzeichnet, mit kräftigen Bässen, hartem Knattern im hohen Drehzahlbereich und starkem Hall in Tunneln. Active Shift lässt sich dadurch auch akustisch gut treffen. Wer mit Controller spielt, profitiert zusätzlich von spürbarem Widerstand beim Schalten.
Auch die Musik sitzt. Die Teams bekommen elektronische Subgenres, die zu ihrer Rolle passen. Das gibt den Rennen Tempo und den Crews einen eigenen Klang. Positiv sind außerdem Optionen wie einstellbarer Motion Blur, Farbblindheitsmodi und Filter gegen hohe Frequenzen.
Die Kampagne will viel, trifft aber nicht sauber
Die Kampagne ist für ein Rennspiel ungewöhnlich groß. Sie erzählt über 70 Kapitel, nutzt Anime-Sequenzen von Polygon Pictures und vollständig vertonte Visual-Novel-Szenen. Die Grundidee: ein globales Hochrisiko-Turnier, ein mysteriöser Mr. A und Echo-Technologie als Erklärung für Respawns.
Die Figuren sind der bessere Teil der Story. Es gibt klar überzeichnete Crews, darunter Söldner, Idols, Wissenschaftler und reiche Gegenspieler. Dass viele Figuren in ihrer eigenen Sprache sprechen, auch Afrikaans oder Flämisch, gibt dem Ganzen einen besonderen Klang. Manche Dialoge sind albern, manche Sprüche funktionieren.
Das Problem ist die Struktur. Rückblenden, Zeitsprünge und Nebenstränge reißen den Faden oft auseinander. Ernste Themen wie Schuld, Trauer und Rache werden mit viel Drama behandelt, aber nicht immer sauber geführt. Dadurch wirkt die Kampagne mutig, aber auch zerfahren.
Spielerisch stört außerdem, dass die Story dich ständig zwischen Teams und Autos wechseln lässt. Im Arcade-Modus ist es gut, dass jedes Auto anders reagiert. In der Kampagne kann genau das nerven, weil du dich immer wieder neu einfahren musst. Bei einem so präzisen Handling kostet das Rhythmus.
Für wen lohnt sich Screamer?
- Gut für dich, wenn du Arcade-Racer mit hoher Lernkurve magst.
- Gut für dich, wenn du Drifts, Boost-Timing und Risiko-Management ernst nimmst.
- Gut für dich, wenn du lokalen Splitscreen mit bis zu vier Spielern suchst.
- Nicht ideal, wenn du eine sauber erzählte Kampagne erwartest.
- Nicht ideal, wenn du einfache Fun-Racer ohne Einarbeitung willst.
Screamer überzeugt dort, wo ein Rennspiel überzeugen muss: auf der Strecke. Das Handling hat Biss, die Systeme greifen gut ineinander und die Strecken fordern saubere Entscheidungen. Die Kampagne ist auffällig und steckt voller Ideen, verliert aber zu oft die Linie. Wer wegen der Rennen kommt, bekommt einen starken, harten Arcade-Racer. Wer vor allem Story sucht, sollte die Erwartungen senken.
Über den Autor
Von FIFA bis Call of Duty, von Farming Simulator bis Age of Empires – ich liebe Games, bei denen Skill, Planung und Reaktion zählen. Ob auf dem virtuellen Schlachtfeld oder im Stadion: Ich spiele smart, schnell und immer mit Spaß. Let’s play smarter, not harder!