Reanimal ist ein Horrorspiel, das sehr genau weiß, wie Angst aussehen muss. Die verfluchte Insel, die deformierten Kreaturen und die ständige Unsicherheit ziehen sofort. Tarsier Studios nutzt die Stärke, die schon Little Nightmares geprägt hat: Atmosphäre.
Als Spiel ist Reanimal aber nicht ganz so sicher wie als Albtraum. Die Reise dauert etwa vier bis fünf Stunden, bietet gute Rätsel, brauchbaren Koop und starke Fluchtmomente. Am Ende bleibt trotzdem das Gefühl, dass die Geschichte zu wenig erklärt und zu früh aufhört.
Eine Insel, auf der nichts harmlos wirkt
Im Mittelpunkt steht ein Geschwisterpaar, das nach verschwundenen Freunden sucht und von einer verfluchten Insel entkommen will. Diese einfache Ausgangslage reicht, um sofort Druck aufzubauen. Die Kinder sind klein, verletzlich und in einer Welt unterwegs, die sie jederzeit verschlucken kann.
Reanimal arbeitet dabei nicht nur mit Dunkelheit. Die Monster wirken oft deshalb so stark, weil sie noch etwas Bekanntes an sich haben. Ein riesiger Mensch, der häutet und frisst. Ein Pelikan, der nicht wie ein Tier, sondern wie ein Fehler in der Natur wirkt. Ein blindes, krabbelndes Wesen, das mit seinem Schlund alles einsaugt, was ihm zu nahe kommt.
Das Spiel trennt Ruhe und Gefahr nicht sauber. Genau das macht es wirksam. Du gehst nicht in einen klar markierten Kampfbereich. Du hoffst nur, dass der nächste Raum nicht plötzlich lebt.
Optik und Stimmung sind die große Stärke
Reanimal sieht nicht einfach nur düster aus. Es baut Räume, die hängen bleiben. Ein Kino mit verstörenden Bildern auf der Leinwand. Eine Waschmaschine als Versteck, während ein Monster an etwas arbeitet, das man lieber nicht zu lange ansehen möchte. Ein Blumenfeld, das kurz fast friedlich wirkt und gerade deshalb irritiert.
Diese Bildsprache trägt viel. Wasser, Nebel, enge Räume und matte Farben sorgen dafür, dass du selten sicher bist, was Teil der Umgebung ist und was gleich zur Falle wird. Für Horror funktioniert das sehr gut.
Der Nachteil: Die starke Optik macht nicht immer klar, wo der richtige Weg liegt. Besonders in hektischen Fluchten kann das nerven. Wenn dann auch noch die Steuerung etwas hakelig wirkt, entsteht Frust, der nicht aus Angst kommt, sondern aus Unklarheit.
Spielerisch mehr als nur Verstecken
Reanimal bleibt nicht bei Schleichen und Weglaufen stehen. Beides ist wichtig, aber das Adventure streut genug andere Aufgaben ein. Du löst kleinere Rätsel, machst Wege frei, koordinierst Hebel und nutzt die zweite Figur, um Hindernisse zu überwinden.
Im Koop wirken diese Momente am stärksten, weil beide Spieler aktiv etwas beitragen müssen. Ein Beispiel: Eine Figur erreicht per Räuberleiter einen Schalter, während die andere auf der Gegenseite einen Hebel betätigt und schnell nachrückt. Das ist kein großes Rätselwunder, aber es passt gut zum Tempo.
Allein funktioniert Reanimal ebenfalls ordentlich. Die KI-Begleitung findet oft sinnvoll ihren Platz und wird nicht ständig zum Problem. Das ist wichtig, weil ein Spiel mit verletzlichen Begleitern schnell kippen kann, wenn man mehr gegen die KI als gegen die Monster kämpft.
Auch abseits der Rätsel gibt es Abwechslung. Reanimal lässt dich stellenweise zurückschlagen oder Fahrzeuge steuern. Besonders stark sind Situationen, in denen eine einfache Aufgabe unter Zeitdruck unangenehm wird, etwa wenn ein Wagen betankt werden muss, während Feinde näherkommen.
Zu leicht, aber nicht langweilig
Der Schwierigkeitsgrad bleibt eher moderat. Abgesehen von Momenten, in denen der Weg schlecht lesbar ist oder eine Flucht durch Probieren gelernt werden muss, scheitert man nicht oft. Wer im Horror vor allem harte Prüfungen sucht, bekommt hier wahrscheinlich zu wenig Widerstand.
Trotzdem trägt das Spiel über weite Strecken. Die Abläufe greifen häufig sauber ineinander. Monster, Räume, Rätsel und kurze Actioneinlagen wechseln in einem guten Rhythmus. Reanimal versteht, wie man Spannung hält, ohne dauernd laut zu werden.
Die Geschichte bleibt zu weit weg
Der größte Bruch liegt in der Erzählung. Reanimal zeigt Kinder, die einander schützen wollen. Es deutet an, dass mit der Schwester der Hauptfigur etwas nicht stimmt. Krämpfe und Visionen sorgen dafür, dass neben der äußeren Gefahr auch eine innere Bedrohung mitschwingt.
Nur baut das Spiel daraus zu wenig. Die Figuren bleiben eher Zeichen in einem Albtraum als Menschen, zu denen man wirklich Nähe entwickelt. Das wäre bei einem kurzen, stark geführten Horrorspiel noch kein Problem, wenn das Ende die losen Fäden sauber zusammenführen würde.
Genau das passiert nicht stark genug. Nach rund vier bis fünf Stunden kommt zwar eine Erklärung in Sicht, doch die große Wendung wirkt eher angesetzt als vorbereitet. Reanimal hätte hier mehr Zeit gebraucht. Nicht für mehr Monster, sondern für mehr Bindung.
Wertung
- Gameplay: 4 von 5, gute Mischung aus Schleichen, Rätseln, Koop und Flucht, aber teils zu leicht und gelegentlich ungenau lesbar.
- Grafik: 5 von 5, sehr starke Horror-Bilder und viele Räume mit klarer Wirkung.
- Story: 2 von 5, gute Ansätze, aber zu wenig Nähe zu Figuren und Ende.
- Sound: 4 von 5, die dichte Horrorwirkung trägt den Gesamteindruck, auch wenn der Ton nicht der am klarsten belegte Bereich ist.
Reanimal lohnt sich für Horrorfans, die Atmosphäre, starke Monsterbilder und kurze, dichte Abenteuer mögen. Im Koop ist das Spiel sogar noch etwas runder. Wer aber eine Geschichte erwartet, die ihre Andeutungen sauber einlöst, dürfte enttäuscht zurückbleiben.
Mein Urteil: Reanimal ist ein starker Albtraum mit schwachem Nachhall. Es zieht dich hinein, hält dich unter Druck und zeigt eindrucksvolle Szenen. Nur wenn es erklären müsste, warum das alles wirklich zählt, bleibt es zu still.
Über den Autor

Gründer und Administrator von GoodGame.Ruhr. Leidenschaftlicher Gamer seit den 90ern ohne Fokus auf spezielle Genres. Wenn er nicht gerade neue Spiele testet, arbeitet er an der Weiterentwicklung der Community, oder geht seiner zweiten Passion, der Musik, nach.
